Christian Westphälinger

Christian Westphälinger

Kurze Geschichte des St. Emilien-Hauses

Um die geschichtliche Besonderheit des St. Emilienhauses darzustellen, muss ich mit der Kaufmannsfamilie Joseph Hötte sen. von Münster beginnen.
Die Veröffentlichungen der nachfolgenden Aufzeichnungen sollen ggf. vorgenannte Quellen ergänzen oder vervollkommnen.

1844
Der Münsteraner Kaufmann Joseph Hötte sen. kaufte 1844 den ehemaligen Gutshof „Gut Heidhorn“ in der Amelsbürener Bauernschaft Sudhoff bei Hiltrup. Er vererbte ihn später an seinen Neffen Joseph Hötte jun. (1838–1919). Sohn des wohlhabenden Pelzwarenhändlers Franz Hötte (1791–1869) in Münster.
Elisabeth Egger

1905
Der wohlhabende Pelzgroßhändler Joseph Hötte jun. (1838–1919) führte Gut Heidhorn relativ uneigennützig. Da er selbst kinderlos blieb, gründete er 1905 die Stiftung „Gut Heidhorn“. Begünstigte waren die Schwestern der Göttlichen Vorsehung, die hier einen Alterssitz für ihre pflegebedürftigen Mitschwestern einrichteten. In den 1960er Jahren wurde zusätzlich ein Schwesternheim gebaut, das heute von einigen Thuiner Schwestern (der Kongregation der Franziskanerinnen vom hl. Märtyrer Georg zu Thuine) bewohnt wird und vor allem der NABU-Naturschutzstation Münsterland als Basis ihrer vielfältigen Aktivitäten dient. Das heutige Wohn- und Pflegeheim wird von der Alexianer GmbH betrieben.
Ralf Klötzer, Theo Schemmelmann, Stadt Telgte

1911
Gertrud Emilie Hötte, geb. Primavesi, Ehefrau von Joseph Hötte, ist am 27.10.1911 in Münster gestorben. Der Tod von Emilie löste bei den Menschen in ihren Stiftungen große Trauer aus. Auch die Bevölkerung um Münster und vor allem in Münster war betroffen von dem Tod ihrer Wohltäterin.

Als sich der Trauerzug von Münster in Richtung Haus Heidorn in Rinkerode auf den Weg machte, gaben der Oberbürgermeister von Münster, Dr. Mathias Jungebold, der Regierungspräsident von Münster, Jaroslaw von Jarotzky, der Bischof Felix, Kardinal von Hartmann von Münster, Everhard Illigens, der Weihbischof von Münster, und das gesamte Domkapitel von Münster der Verstorbenen das letzte Geleit.

Die letzte Ruhestätte der Stifterin Emilie Hötte befindet sich in der Kapellengruft auf Gut Heidorn.
Hilmar Henke

1916
Der vermögende Gutsbesitzer und Pelzgroßhändler Joseph Hötte jun. (1838–1919) aus Münster erwarb 1916 ein Grundstück am Steintor in Telgte, um dort ein prunkvolles Backsteinhaus für die Schwestern von der Göttlichen Vorsehung und einen Anbau für eine Handarbeitsschule und eine Kinder-Bewahrschule errichten zu lassen. Dieses Projekt wurde am 23.11.1916 in der Stiftung „Emilienhaus“ vor dem Justizrat Wilhelm Ellenhaus in Coesfeld und Gutsbesitzer Joseph Hötte jun. (1838–1919) aus Münster urkundlich beschlossen. In der Urkunde heißt es: „Über den Zweck und die Verfassung der Stiftung bestimme ich Folgendes: Zweck der Stiftung ist die Errichtung und Unterhaltung einer Kinder-Bewahrschule für die katholischen Kinder der Stadt und Gemeinde Telgte, die noch nicht schulpflichtig sind, sowie einer Handarbeitsschule für die katholischen Mädchen derselben Gemeinden. Die Leitung der Bewahr- und Handarbeitsschule soll durch Mitglieder einer katholischen Ordensgemeinschaft geführt werden, und zwar in erster Linie durch die Schwestern von der Göttlichen Vorsehung. In den Vorstand der Stiftung berufe ich als ersten den Direktor der Genossenschaft der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, Herrn Rampelmann aus Münster.
Ebenfalls wurde noch festgelegt, dass aus den Einkünften der „Stiftung Gut Heidhorn“ der „Stiftung Emilienhaus“ regelmäßig Zuwendungen gemacht werden sollen. Hierzu schrieb der Regierungspräsident Franz Hackethal von Münster am 2.5.1956: „Es wird damit zu rechnen sein, dass das Gut Heidhorn nach erreichter wirtschaftlicher Stabilisierung, insbesondere nach Auffüllung des Nachholbedarfs, auch die bestimmungsgemäß vorgesehenen der Stiftung ‚Emilienhaus‘ in Telgte zu gewährenden Zuschüsse bereitstellen wird.“
Stadt Telgte, Hilmar Henke

1918
Die Errichtung des St.-Emilienhauses am Steintor in Telgte wurde erst Ende des 1. Weltkrieges (1918) nach vielen Unterbrechungen in der Kriegszeit von den Architekten Heuring & Wagner aus Münster sowie der Baufirma Hubert Holtmann aus Telgte zum Abschluss gebracht. Da die wehrfähigen Männer im Krieg waren, arbeiteten 6 Maurer über 60 und 6 Handwerker, die unter 17 Jahre alt waren, auf der Baustelle.
Stadt Telgte, Hilmar Henke

Hausbeschreibung:
Das Emilienhaus am Steintor bestand aus einem großen rechteckigen eingeschossigen Gebäude sowie dem zweigeschossigen Schwesternhaus. Beide Gebäude waren durch einen schmalen Verbindungstrakt miteinander verbunden. Diese Anlage sollte als „Kinderbewahrschule und Handarbeitsschule“ dienen. Die Schwestern, die diese Einrichtung leiten sollten, erhielten im zweigeschossigen Gebäude ihre Unterkünfte, ihre Gemeinschaftsräume, ihre Küche und ihre Hauskapelle im Obergeschoss.
Der Verbindungstrakt und das rechteckige Gebäude (Barbara-Kindergarten) wurden 1986 zwecks der Baumaßnahme „Betreutes Altenwohnen“ abgebrochen.
Besonders prachtvoll ist die Haustür gestaltet, darüber eine Abbildung der Heiligen Emilie. In seiner tiefen christlichen Überzeugung übernahm Joseph Hötte den Namen „Emilie“ für dieses Haus. Denn die heilige Emilie de Rodat (1787–1852) ist eine französische Ordensgründerin, die ihre Berufung in der Erziehung armer Kinder sah. Auch er und seine Ehefrau Emilie wollten die Situation armer Kinder und Jugendlicher in Telgte verbessern.
Der Vorname „Emilie“ wird in der christlichen Tradition oft mit Tugenden wie Mitgefühl, Fleiß, Güte und Nächstenliebe in Verbindung gebracht.
Emilie ist nicht nur ein Name, sondern auch ein Ausdruck von Charaktereigenschaften.
An der rechten Seite des Hauses befindet sich ein Medaillon der Emilie Hötte, der Ehefrau des Stifters, mit dem Chronogramm des Jahres 1918.
In der ehemaligen Kapelle im Obergeschoss schmückt ein Deckengemälde des 18. Jahrhunderts, das die Verkündigung Mariens zeigt. Die ovalen Fenster stammen aus dem 17. Jahrhundert und zeigen Wappen der Äbtissinnen des Klosters Gravenhorst. Emilie Hötte stammte aus Gravenhorst und konnte durch Beziehungen zu ihrer Heimatgemeinde diese einzigartigen Bleiglasfenster aus dem 17. Jahrhundert für die Kapelle im Obergeschoss gewinnen. Das rechte ovale Fenster mit dem Dreiecksauge symbolisiert „Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist“. Das linke ovale Fenster ist eine unverkennbare Darstellung, bei der die Dornenkrone das Kreuz umwickelt und die Untrennbarkeit von Leiden, Opfer und Erlösung betont. Die ehemalige Kapelle ist auch vom Bassfeld aus durch ein eingemauertes Kreuz im Mauerwerk und an den beiden ovalen Fenstern zu erkennen.
Das St. Emilienhaus ist denkmalpflegerisch und architektonisch besonders wertvoll.
Der aufwendig gestaltete Schlussstein auf der Rückseite des Hauses mit einer Abbildung der Namenspatronin Emilie und dem Jahr 1906 wurde einem früher errichteten Gebäude entnommen.
Trotz umfassender Recherche fand ich bisher kein vergleichbares Objekt wie das St. Emilienhaus mit seiner Hauskapelle.
Stadt Telgte, Akten. LWL-DLBW, Bild- und Planarchiv, Hilmar Henke

1918
Joseph Hötte, 80. Geburtstag.

Der Bischof von Münster Dr. Poggenburg, Regierungspräsident Graf von Merveldt, Oberbürgermeister Dr. Diekmann, Domkapitular Hermann Rüping, Stadtdechant Kochmeyer, Landesmuseumsdirektor Prof. Dr. Geisberg und viele andere Persönlichkeiten kamen, um dem Kunstliebhaber, Mäzen und Stifter der Stadt Münster zu dessen 80. Geburtstag am 3. September zu gratulieren. In mehrspaltigen Beiträgen berichteten die Münsterischen Zeitungen an diesem Tag über den Pelzgroßhändler Joseph Hötte und dessen Ehefrau Emilie.
Papst Benedikt XV. beauftragte mittelbar Bischof Dr. Johannes Poggenburg, dem Jubilar das Großkreuz des St.-Silvester-Ordens für seine Verdienste um die römisch-katholische Kirche und den katholischen Glauben zu verleihen. Des Weiteren erhielt er auch den Roten-Adler-Orden.
Die umfangreichen Geldspenden, Stiftungen und die Gründung eines städtischen Versammlungshauses (das heutige Theater) sind nur ein Teil seiner Großherzigkeit. Sein Leben und seine Arbeit sind ein Beispiel dafür, wie unternehmerischer Erfolg und soziale Verantwortung gelingen können. 
Detlef Fischer, Hilmar Henke

1919
Joseph Hötte starb am 20. Januar nach langem, schwerem Leiden im Alter von 80 Jahren. Er war Stifter, Kunstliebhaber, Förderer und Mäzen. Der Tod löste bei den Menschen, die er einst unterstützte, und in seinen Stiftungen beachtliche Trauer aus. Auch die Bevölkerung im Münsterland, vor allem in Münster, war tief betroffen von dem Tod ihres Wohltäters.
Als sich der Trauerzug von Münster in Richtung Haus Heidorn in Rinkerode auf den Weg machte, gaben der Oberbürgermeister Dr. Franz Diekmann, der Regierungspräsident Felix von Merveldt, der Bischof von Münster Johannes Poggenburg, der Weihbischof von Münster und das gesamte Domkapitel von Münster dem Verstorbenen das letzte Geleit.
Die letzte Ruhestätte des Stifters Joseph Hötte befindet sich in der Kapellenkrypta auf Gut Heidorn.
Die aus Metall gefertigten Särge des Stifterehepaares Emilie und Joseph Hötte sowie seiner Eltern Franz Hötte (1791–1869) und Johanna Hötte, geb. Deiters (1796–1883), und des befreundeten Priesters, Vogelkundlers und Forstwissenschaftlers Professor Bernhard Altum (1824–1900) befinden sich in der Kapellenkrypta auf Gut Heidhorn.
Michael Grottendieck, Hilmar Henke

1950
Die Nähschule im Hauptgebäude des St. Emilienhauses unterrichtete bis zu 18 Mädchen. Aus der Nähschule wurden Nähkurse. Die Leiterin des Hauses, Schwester Walburga, gründete dort 1950 den Paramentenverein, in dem sich viele Telgter Frauen zusammenfanden, um Priestergewänder für die Mission herzustellen.
Stadt Telgte

1969
Im Jahre 1969 gaben die Schwestern von der Göttlichen Vorsehung das St. Emilienhaus auf. Es stand dann einige Zeit leer, bis es 1970 von der Kirchengemeinde St. Clemens erworben und als Pfarr- und Jugendheim eingerichtet wurde. Auch der Paramentenverein traf sich weiterhin im St. Emilienhaus.
Stadt Telgte

1983
1983 wurde es von der Stadt erworben, die dort das städtische Jugendheim, die Musikschule, die Volksschule und Asylbewerber im Wechsel unterbrachte. 1987/88 war dort das Büro der Volkszählung.
Stadt Telgte

1986
Das St. Emilienhaus wurde am 25.02.1986 in die Liste der Baudenkmäler der Stadt Telgte unter der Lfd. Nr. 1/24 eingetragen. Bemerkung: Architektonisch und denkmalpflegerisch ist das St. Emilienhaus als besonders wertvoll einzustufen.
Stadt Telgte, Hilmar Henke

1986
Nach dem Abbruch des Kindergarten-Gebäudes ist der St. Barbara-Kindergarten in den Drostegärten in der Nachbarschaft der Don-Bosco-Schule neu entstanden.
Stadt Telgte

1990
Das St. Emilienhaus wurde 1990 an eine gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft veräußert, die in der unmittelbaren Nähe zum St. Emilienhaus dort einen Wohnpark mit 38 Wohnungen für ältere Menschen gebaut hat. Nach nur zehnmonatiger Bauzeit wurde der Wohnpark „Betreutes Wohnen“, zu dem auch der Umbau des St. Emilienhauses gehörte, am 1.10.1991 seiner Bestimmung übergeben und der Schlussstein gesetzt.
Stadt Telgte, Westfälische Nachrichten

1991
Die Bronzeskulptur vor dem St. Emilienhaus stellt den verstorbenen Sohn „Mathis“ des Telgter Bildhauers und Architekten Hans Dinnendahl (1901–1966) dar. Die Skulptur des sitzenden Mathis zeigt, wie er ein Spielzeugschaf in seinen Händen hält. Seine Schwester Maria stellte die Figur, die 1948 als Tonmodell zu seinem Gedenken entworfen wurde und 1991 in Bronze gegossen wurde, der Stadt Telgte zur Verfügung.
Sie schmückt eine Sitzgruppe, die sich harmonisch in das Stadtbild einfügt und als Ergänzung zur neugestalteten Architektur des Wohnparks einen passenden Ort gefunden hat.
Westfälische Nachrichten, Hilmar Henke 

 

Danksagung
An dieser Stelle möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die mich während der Recherche zur „Geschichte des St. Emilienhauses“ unterstützt und motiviert haben.
Dr. Fred Kaspar, Dr. Karoline Friemann, Dr. Simone Müller, Stadtarchiv Telgte, Stadt Telgte, Westfälische Nachrichten, Leon Zitlau, Michael Grottendieck, Detlef Fischer, LWL-DLBW, Bild- und Planarchiv, Theo Schemmelmann, Elisabeth Egger, Sabine Ahlbrand-Dornseif, Christian Kammler, Karl-Heinz Engemann.

Besonders möchte ich mich bei Herrn Dr. Ralf Klötzer von der Hötte-Stiftung für die Besichtigungen des Speichers und die Einzelbesichtigung der Kapellenkrypta bedanken, welche normalerweise nicht üblich ist.

Hilmar Henke

 

Bemerkungen zu den Bildern

zu Bild 1:
Das St. Emilien-Haus um 1950 mit dem Kindergarten St. Barbara
LWL-DLBW, Bild- und Planarchiv

zu Bild 2:
Die Nordseite des St. Emilien-Haus von 1990. Der St. Barbara-Kindergarten wurde 1986 abgerissen. Der niedrige Baukörper Waschraum und Toilettenanlage wurde zu einer nicht benannten Zeit ebenfalls abgebrochen.
LWL-DLBW, Bild- und Planarchiv

zu Bild 3:
St. Emilien-Haus Heute
Foto: 2025 Hilmar Henke

zu Bild 4:
Innenaufnahmen der Hauskapelle in dem Obergeschoss des Emilienhauses um 1918. Zu dieser Zeit waren die Okulifenster links und rechts des Altares noch vermauert.
Foto: Bistumsarchiv Münster

zu Bild 5:
Hauskapelle
An der Decke befindet sich in einem Stuckspiegel auf Holz gemalt eine Verkündigungsszene, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts stammt.
Das rechte Fenster mit dem Dreiecksauge stammt aus dem 17. Jahrhundert und zeigt das Wappen der Äbtistinnen des Klosters Gravenhorst.
Foto: Stadtarchiv, Dr. Karoline Friemann

zu Bild 6:
Das 1,60 × 2,80 m große Deckengemälde zeigt eine „Verkündigungszene“ aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Stadtarchiv, Foto: 2025 Hilmar Henke

zu Bild 7:
Das rechte Okulifenster mit dem Auge und dem Dreieck (auch „Auge der Vorsehung“) genannt, ist ein Symbol, das hauptsächlich die christliche Dreifaltigkeit (Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist) darstellt und die göttliche Vorsehung symbolisiert, die alles sieht.
Foto: Stadtarchiv

zu Bild 8:
Das linke Okulifenster ist eine unverkennbare Darstellung, bei der die Dornenkrone das Kreuz umwickelt und die Untrennbarkeit von Leiden, Opfer und Erlösung betont. In der Kunst, wie in der Glasmalerei, dient dieses Motiv oft als Andachtsbild, das den Betrachter zum Mitleiden und zur Reflexion über das Opfer Christi bewegen soll.
Foto: 2025 Hilmar Henke

zu Bild 9a und 9b:
Haupteingang: St. Emilien-Haus.
Foto: 2025 Hilmar Henke

zu Bild 10:
Joseph Hötte (1839-1919)
Abb. LWL-MKuK/Sabine Ahlbrand-Dornseif

zu Bild 11:
Emilie Hötte (1838-1911)
Abb. LWL-MKuK/Sabine Ahlbrand-Dornseif

zu Bild 12:
An der rechten Seite des Hauses wurde ein Medaillon mit Bildnis einer Frau (Emilie Hötte) und darunter in einer Kartusche die lateinische Inschrift mit Chronogramm 1918 angebracht: DULCI & MILIae ConIUgI / HoC sIt InsIgne / Joseph Hoette [Der lieben und freundlichen Frau / soll das ein Zeichen sein = Im Sinn: Dies (Haus) möge eine Erinnerung an die liebevolle und freundliche Frau sein].
Dr. Fred Kaspar, Foto: 2025 Hilmar Henke.

zu Bild 13:
Der aufwendig gestaltete Schlussstein auf der Rückseite des Hauses mit einer Abbildung der Namenspatronin Emilie und dem Jahr 1906 wurde einem früher errichteten Gebäude entnommen.
Stadtarchiv, Foto: 2025 Hilmar Henke

zu Bild 14:
In der Kapellengruft auf Gut Heidhorn stehen die fünf reichverzierten Zinksärge der Verstorbenen:
Franz Hötte *4.7.1791 - †27.6.1869
Johanna Hötte geb. Deiters  *6.12.1796 - †4.6.1883
Bernard Altum *31.1.1824 - †1.2.1990
Joseph Hötte *3.9.1838 - 20.1.1919
Emilie Hötte geb. Primaversi *22.3.1838 - †27.10.1911
Foto: 2025 Hilmar Henke

zu Bild 15a und 15b:
Der Hausaltar gehörte zur Ausstattung des Emilienhauses an der Josephstraße 2 in Telgte, für die Schwestern von der Göttlichen Vorsehung. Hier befand er sich im Besucherzimmer, eingesetzt in einer verglasten Wandnische. Diese gaben das Haus 1969 auf. Es ist bekannt, dass der Stifter des Hauses, Joseph Hötte jr. Münster, solche Gegenstände im Kunsthandel erwarb um seine Stiftungen damit auszustatten. Mit der Übernahme des Hauses 1971 gelangte es in den Kirchenbesitz. Bis 1980 stand der Hausaltar im Arbeitszimmer von Propst Wilhelm Fleuth.
Übersetzt heißt der Spruch auf dem Altarunterbau: „Heilige Maria, bete für uns.“
Foto: 2025 Hilmar Henke

zu Bild 16:
Die Bronzeskulptur vor dem „St. Emilien-Haus“ stellt den verstorbenen Sohn „Mathis“ des Bildhauers Hans Dinnendahl (1901-1966) dar. Diese Bronzeskulptur stifteten die Geschwister Maria und Monika Dinnendahl 1991 der Stadt Telgte.
Westfälische Nachrichten, Foto: 2025 Hilmar Henke

 

 

 

Die wechselvolle Geschichte des Knickenberghauses

 

Um zu den Anfängen des Knickenberghauses zu kommen, muss das Rad der Geschichte um 210 Jahre zurückgedreht werden. Eng verknüpft ist es mit der Telgter Schulgeschichte.
Die Veröffentlichungen der nachfolgenden Aufzeichnungen sollen ggf. vorgenannte Quellen ergänzen oder vervollkommnen.

1815
Im Jahre 1815 musste die städtische Knabenschule, die aus einer deutschen und einer lateinischen Schule bestand und seit 1787 im Erdgeschoss des Telgter Rathauses am Markt untergebracht war, einem Stadt- und Landgericht weichen. Als Notlösung wurde für die Knaben zunächst eine Räumlichkeit auf dem „Wientgenschen“ Anwesen an der Baßfelder Stroote (heute Baßfeld) gefunden.
Stadtarchiv, Frank Uekötter

1817
Ende 1817 waren die Verhandlungen zwischen den Gemeindevertretern von Stadt und Kirchspiel Telgte und dem preußischen Landrat von Münster, Lambert Hammer (1763–1831), so weit gediehen, dass ein Antrag zum Bau einer neuen Schule vorgelegt werden konnte. Um die leere Gemeindekasse nicht noch mehr zu belasten, plante man den Ankauf eines Hauses in der Herrenstraße. Dieses sollte umgebaut werden, sodass es sich als Schulgebäude mit einer Lehrerwohnung eignete.
Stadtarchiv

1818
Seitens der Regierung in Münster fanden diese Pläne aber keine Zustimmung. Sie hielt es für nötig, eine völlig neue Schule einzurichten, und sie hatte auch schon einen Bauplatz an der Mühlenstraße ins Auge gefasst, der der Vikarie St. Nicolai gehörte. Mit dem Vikar Dalmöller (1775–1831) wurde man sich schnell einig, sodass das Grundstück der Stadt ab Martini (11. November) 1818 zur Verfügung stand.
Das größte Problem war die Finanzierung des Neubaus. Bürgermeister Max Schulz schlug vor, die Kosten auf alle Eingesessenen von Stadt und Kirchspiel umzulegen sowie städtische Grundstücke zu verkaufen.
Außerdem sollte geprüft werden, ob auch die Kirche in die Pflicht genommen werden kann.
Als diese Vorüberlegungen abgeschlossen waren, ging es an die konkrete Planung. Unstimmigkeiten gab es darüber, ob man massiv bauen oder einem einstöckigen Fachwerkhaus den Vorzug geben sollte. Der Klassenraum wurde für etwa 200 Kinder konzipiert, eine Lehrerwohnung war ebenfalls vorgesehen. Diese hatte eine Stube, eine Schlafstube, eine Kammer, eine Küche, ein Stübchen für die Magd und einen Bodenraum.
Außerdem bat der damalige Schulleiter Christian Homann um eine Stallung, um – wie er sagte – „allenfalls ein Schwein füttern zu können“. Der Bau sollte längs der Mühlenstraße liegen, um so einen Garten für die Schule auszusparen.
Einen weiteren Beweis für seine sparsame Planung gab der Landrat Hammer mit der Aufforderung an den Bürgermeister, die eventuell vorhandenen Fundamente eines bei einem Stadtbrand 1739 abgebrannten Hauses zu nutzen.
Der Kostenvoranschlag für die neue Schule belief sich auf 1586 Reichsthaler, 9 gute Groschen und 6 Pfennig. Im November 1820 fand die Bauabnahme durch den damaligen Bauinspektor Müser statt. Die Inneneinrichtung wurde im folgenden Jahr angefertigt. Sie kostete 145 Reichsthaler und 17 gute Groschen.
Lehrer an der Knabenschule war der damals 36-jährige Christian Homann. Im Winter unterrichtete er etwa 170, im Sommer etwa 100 Kinder. Er versah das Amt bis zu seinem Tode im Jahre 1835.
Stadtarchiv

1845
Joseph Knickenberg (1814–1884) ließ um 1845 am heutigen Knickenbergplatz 5 ein kleines, einstöckiges Haus hinter dem bisherigen Knabenschulhaus errichten. Das Gebäude wurde nicht an der Straße errichtet, sondern so gestellt, dass es mit seiner westlichen Vorderfront an den Schulhof hinter dem Knabenschulhaus (Mühlenstraße 3) angrenzte. Es handelt sich um einen Bau aus sichtbar vermauerten Feldbrand-Backsteinen. Das Haus ist für Telgte ein wichtiges baugeschichtliches Zeugnis aus schul- und bildungsgeschichtlicher Sicht. Im Gründungsjahr des Instituts erhielt das Haus im Zusammenhang mit der Gründung der Privatschule Knickenberg ein zusätzliches Stockwerk und rückwärtig einen Anbau als Stallung. Zugleich wurde über dem Satteldach ein Uhrturm aufgestellt, sodass die Schüler auf dem vorgelagerten Schulhof jederzeit die Zeit ablesen konnten. Der schiefergedeckte Turm war ehemals im oberen Bereich offen. Das Uhrwerk ist bis auf das Ziffernblatt nicht mehr vorhanden – um 1980 wurde der Turm mit Kupferblech beschlagen, um weiteres Eindringen von Wasser in das Dach zu verhindern. Auf der Rückseite wurde 1859 ein schmales Wirtschaftsgebäude entlang der südwestlichen Grundstücksgrenze angebaut. Dieses scheint mehrmals erweitert worden zu sein und erhielt dabei später auch ein Obergeschoss, das auch als Nebengebäude der Schule mit unbekanntem Zweck diente. Dieses Hintergebäude wurde 1976 abgerissen. Ab 1976 gab es eine private Initiative zum Erhalt des Gebäudes. „Dabei handelt es sich um einen ersten Versuch in der Stadt, historische Substanz nicht abzubrechen, sondern zu erhalten“, ist in einer Vorlage zu einer Planungsausschusssitzung zu lesen. Zunächst wurde 1976 eine Modernisierung als Gaststätte mit Wohnung geplant. 1978 folgte ein neuer Plan zum Umbau als Galerie und Antiquitätenhandel. Nach einem weiteren Besitzerwechsel wurde das Gebäude 1980 als Wohnhaus ausgebaut und wird bis heute als Wohnhaus genutzt. Die Denkmalschützer des LWL haben das historische Gebäude mit der Denkmalnummer S/57 am 20. Dezember 2018 unter Denkmalschutz gestellt.
Westfälische Nachrichten, Hilmar Henke

1859
Nachfolger des ehemaligen Schulleiters Christian Homann wurde Joseph Knickenberg. Er wurde am 8. August 1814 in Heddinghausen bei Bad Arolsen geboren und starb am 18. August 1884 in Telgte an einer Lungenentzündung. Sein Vater war ein königlicher Steuerkontrolleur. Er ließ Joseph schon früh von einem Geistlichen in den alten und neuen Sprachen unterrichten. Joseph kam im Knabenalter nach Warendorf und besuchte dort das Progymnasium. Hier erhielt er eine umfassende Deutsch-, Mathematik-, Latein-, Griechisch-, Französisch-, Englisch- und Geschichtsbildung. Von 1833 bis 1835 absolvierte er das Lehrerseminar in Büren, das er mit einem sehr guten Zeugnis abschloss. Seine erste Lehrerstelle führte ihn nach Telgte an eine Knabenschule. Abends unterrichtete er talentierte Jungen bei sich zu Hause. Außerdem veröffentlichte er einige Artikel in Fachzeitschriften. Des Weiteren unterzog er sich der Prüfung „pro rectoratu“. Er bestand diese Prüfung und durfte ab sofort eine Schule, ob öffentlich oder privat, als Direktor führen.
Am 21. September 1859 wurde seinem Antrag, sein Wohnhaus an dem Knickenbergplatz 5 um ein Stockwerk aufzustocken, von der königlichen Regierung die Erlaubnis erteilt. Zugleich wurde auf dem Satteldach ein Glocken- und Uhrenturm aufgesetzt. Des Weiteren ließ Joseph Knickenberg um 1859 die denkmalgeschützten Schul- und Pensionshäuser in der Mühlenstraße 3-5 für auswärtige Schüler errichten. Im Herbst 1859 gründete er mit 40 Schülern und dem jungen Kollegen Heinrich Wallbaum aus Münster, bestehend aus einem Progymnasium und einem Internat, das sog. Knickenbergsche Institut. Weitere fachliche Unterstützung erhielt er durch einen Elementarlehrer und zwei Religionslehrer.
Wolfgang Riechmann, Ingo Riemann, Frank Völker, Hilmar Henke

1869
Joseph Knickenbergs Nachfolger wurde 1869 sein Sohn Dr. Phil. Franz Knickenberg (1844 -1915). Im Jahr 1898 wurde ihm die Amtsbezeichnung „Direktor“ verliehen.
Aus zunächst bescheidenen Anfängen entwickelte sich das Knickenbergsche Institut, das jahrzehntelang zwischen 260 und 300 Schüler hatte, zu großem Ansehen weit über Telgte und Westfalen hinaus. In dem Institut waren interne und externe Schüler. Die Internen waren die Schüler, die aus einer anderen Stadt kamen und im Internat wohnten. Die Externen waren die Schüler, die in Telgte wohnten und nach dem Ende des Unterrichts nach Hause gingen, um Hausaufgaben zu machen. Da jeder Schüler eine bunte Mütze tragen musste, konnte er nicht ohne Erlaubnis in die Stadt gehen, weil die Lehrer manchmal durch die Stadt gingen, um zu kontrollieren, ob die Schüler durch die Stadt liefen, anstatt Hausaufgaben zu machen. Wenn ein Schüler mal von einem Lehrer in der Stadt gesehen wurde, konnte dieser an der Mütze erkennen, in welche Klasse er gehörte, und ihn am anderen Tag darauf ansprechen. Dieses galt aber nur für die Schüler aus Telgte. Einige Lehrer nahmen manchmal auswärtige Schüler auf. Die Unterbringung bei den Lehrern war aber etwas teurer als die Unterbringung im Internat. Die Eltern dieser Kinder glaubten vielleicht, dass der Lehrer aufpasste, wenn sie ihre Schularbeiten erledigten.
Stadtarchiv, Wolfgang Riechmann, Ingo Riemann, Frank Völker

1872
Das Knickenbergsche Institut kaufte 1872 das Peperhofsche Hofgrundstück, heute „Knickenbergparkplatz“ in der Mühlenstraße. Rektor Dr. Joseph Knickenberg ließ darauf das Pensionat, den „Kasten“, bauen. Im Erdgeschoss befand sich ein Studiensaal, den die Schüler des Instituts nachmittags von 15 bis 17 Uhr zum Studieren und zum Erledigen ihrer Schularbeiten nutzten. In den oberen Geschossen befanden sich die Schlafsäle der internen Schüler.
Stadtarchiv, Hilmar Henke

1878
Nachdem im Jahre 1878 am Baßfeld eine neue Knabenschule, die heutige VHS, fertiggestellt war, wurde die obere Mädchenklasse in das Gebäude in der Mühlenstraße überführt.
Stadtarchiv

1911
Schließlich konnte im Jahre 1911 ein neues großes Schulgebäude für alle Mädchenklassen seiner Bestimmung übergeben werden. Es lag ebenfalls an der Mühlenstraße und ist sicher vielen noch als „die Mädchenschule“ oder „die Marienschule“ bekannt. Das Schulgebäude lag in dem Winkel Mühlenstraße/Schlaunstraße, dort sind heute die Praxen von Dr. Siebecker und Dr. Hoffmann. Die Schule wurde 1985 abgerissen und bis zur Errichtung eines eigenen Schulgebäudes zum Schulzentrum verlegt.
Erst jetzt kam das alte Fachwerkhaus, das 57 Jahre Knabenschule und 33 Jahre Mädchenschule gewesen war, an das Knickenbergsche Institut, das im Jahre 1905 an Carl Linpinsel für 150.000 Reichsmark verkauft worden war. Die Schule benötigte dringend einen neuen Zeichensaal und einen Physikraum. Dass umfangreiche Bauarbeiten nötig waren, belegen alte Akten im Stadtarchiv: Darin heißt es: „Um die Physikklasse einrichten zu können, müssen die hinteren Fachwände ausgebrochen werden und eine neue, balkentragende Fachwand aufgeführt werden.“ Da die vorhandene Schulklasse für den Zeichensaal wirklich groß ist und die Beleuchtung zu ungünstig ist, wird ein 2 m breiter Raum für Zeichnungen, Modelle und physikalische Apparate abgetrennt. Um für den neuen Zeichensaal eine günstigere Beleuchtung zu erhalten, wird zwischen je 2 vorhandenen Fenstern 1 Fenster ausgebrochen, sodass 6 Fenster entstehen. „Diese 6 Fenster werden dann um 50 cm höher gebrochen.“ Zeichenlehrer war damals Hermann Kilz (1883–1915), der, wie es in alten Akten heißt, während seiner Ausbildung am 5.3.1915 beim Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 39 im Lazarett zu Wesel gestorben ist. Den Physikunterricht hielt in diesem Raum damals der Studienrat Albert Klaverkamp, der sich auch als Ballonführer einen Namen gemacht hat.
Stadtarchiv

1920
In den 1920er Jahren wurde das Knickenbergsche Institut wegen sinkender Schülerzahlen von der Stadt- und Landgemeinde Telgte nach zahlreichen Diskussionen der Verantwortlichen dann doch gekauft und in eine Realschule und ein Realprogymnasium umgewandelt. Dieser Kauf ist uneingeschränkt der Bürgerinitiative „Verein Telgter Schulfreunde e. V.“ durch ihre Einwendungen und durch ihre Unterschriftenaktion der 94 Unterzeichner zu verdanken. Schul- und Internatsleiter wurde Studienrat Friedrich Evers.
Ingo Riemann, Frank Völker, Hilmar Henke

1924

Nachdem im Jahre 1924 noch mit 309 die höchste Schülerzahl an der Realschule und dem Realprogymnasium (Knickenberg Institut) erreicht wurde, ging die Schülerzahl in den folgenden Jahren unaufhaltsam zurück. Im Jahr 1932 wurde schließlich der stufenweise Abbau der öffentlichen höheren Lehranstalt mit katholischem Internat beschlossen. Wegen der sinkenden Schülerzahlen konnte nun das alte Fachwerkhaus an der Mühlenstraße 3 anderweitig genutzt werden.
Stadtarchiv, Ingo Riemann, Frank Völker

1933
Der Reichsarbeitsdienst (RAD) hatte in den leerstehenden Räumlichkeiten des Knickenberg-Instituts auf dem Knickenbergplatz 3 ein Lager für zunächst 100 Personen eingerichtet. Sie wurden für landwirtschaftliche Arbeiten (Kultivierung von Ödland) und für die Emsregulierung eingesetzt.
Stadtarchiv

1934
Ab Juli 1934 unterhielt der Reichsarbeitsdienst eine „Truppführerschule“ in dem ehemaligen Internatsgebäude des Knickenberg-Instituts, das auf dem heutigen Knickenbergplatz stand und als „Parteihaus“ bezeichnet wurde. In den letzten Kriegsjahren diente es als Parteihaus der NSDAP. Am 28. November 1944 brannte es infolge von Brandstiftung ab.
Stadtarchiv

1935
Als wegen sinkender Schülerzahlen die Schließung des Knickenberg-Instituts auf dem Knickenbergplatz 3 bevorstand, richtete der Reichsarbeitsdienst in den leerstehenden Räumlichkeiten des Fachwerkhauses 1935 eine Kantine ein. Von 1939 bis 1945 diente das Haus als Volksbücherei.
Stadtarchiv, Ingo Riemann, Frank Völker

1945
Nach dem Krieg entschied man sich, die Volksbücherei aufzulösen. Dies geschah durch öffentliche Bekanntmachung vom 17. Juli 1945. Die wenigen noch vorhandenen Bücher (insgesamt 153) wurden der katholischen Pfarrbücherei übergeben.

In den Kriegswirren der letzten Tage – kurz vor dem Einmarsch der alliierten Truppen – waren die meisten Bücher geplündert worden.

Nun konnte in dem Haus das Wirtschafts- und Ernährungsamt untergebracht werden, das für die Ausstellung von Bezugsscheinen und Lebensmittelmarken zuständig war.

Nach der Freigabe aller Güter und Lebensmittel wurde das Amt zum 31. März 1950 aufgelöst.
Stadtarchiv

1975
Nach einer aufwendigen Kernsanierung fand die kirchliche Einweihungsfeier vor zahlreichen Gästen am 18. April 1975 statt.
Eröffnungstag war drei Tage später am 21. April. Über 80 Senioren konnte die damalige Leiterin Ruth Bruens bei Kaffee und Kuchen in dem neuen Haus begrüßen, für das Bürgermeister Albert Bruens und Stadtdirektor Hans Melchers schon einen Namen gewählt hatten: Knickenberghaus.
Das „Knickenberghaus“ ist seit 1975 Treffpunkt der Seniorengemeinschaft sowie verschiedener Vereine.
Stadtarchiv

 

Danksagung
Ich möchte mich herzlich bei allen bedanken, die mich mit Informationen, Gesprächen und Fotos unterstützt haben.
Mein Dank gilt: Simone Müller, Fred Kaspar, Ingo Riemann, Frank Völker, Wolfgang Riechmann, Frank Uekötter, Stadtarchiv Telgte, Westfälische Nachrichten, Lothar Thurn und Reinhard Große Jäger.

Hilmar Henke

 

Bemerkungen zu den Bildern

zu Bild 1:
Hausschild „Haus Knickenbergplatz 3“.

zu Bild 2:
Joseph Knickenberg (1814–1884). (Foto: Stadtarchiv)

zu Bild 3:
Franz Knickenberg (1844–1915). (Foto: Stadtarchiv)

zu Bild 4.a:
In dem dreigeschossigen Knickenberg-Haus in der Mühlenstraße 7 wohnten der Direktor und die unverheirateten Lehrer, die noch ausgebildet wurden. (Foto Stadtarchiv vor 1900)

zu Bild 4.b:
(Foto: Hilmar Henke 2025)

zu Bild 5:
Das einstige Schul- und Pensionatshaus für auswärtige Schüler des Knickenbergschen Instituts lag in der Mühlenstraße 3–5. (Foto: Westfälische Nachrichten)

zu Bild 6.a:
Schulhaus Knickenbergplatz 5. (Foto: Stadtarchiv nach 1859)

zu Bild 6.b:
Nach mehreren Besitzerwechseln wurde das Gebäude 1980 zu einem Wohnhaus umgebaut. (Foto: Hilmar Henke 2025)

zu Bild 7:
Das dreistöckige Gebäude des Knickenbergschen Instituts stand auf dem heutigen Knickenbergparkplatz. Wegen sinkender Schülerzahlen zog die NSDAP um 1936 in den „Kasten“ ein, wie er auch liebevoll im Volksmund genannt wurde. Der Unterricht konzentrierte sich auf die oberen Etagen des Hauses. Im Hintergrund ist das Hotel Telgter Hof (früher Baumhove) zu erkennen. (Postkarte: Lothar Thurn)

zu Bild 8.a und b:
Arbeitsdienstabteilung 2/200, Telgte, Gau 20 a, Westfalen – Nord. (Postkarte: Lothar Thurn)

zu Bild 9:
In den letzten Kriegsjahren diente der „Kasten“ als Parteihaus der NSDAP. Am 28. November 1944 brannte er infolge Brandstiftung ab. (Foto: Lothar Thurn)

zu Bild 10:
Der Stadtkern von Telgte um 1930, oben links der „Kasten“. (Foto: Reinhard Große Jäger)

zu Bild 11:
Gemarkung der Stadt Telgte. (Foto: Stadtarchiv. Die Schul- und Internatsgebäude wurden hinzugefügt. Hilmar Henke)

zu Bild 12:
Die Mädchenschule wurde 1985 abgerissen und bis zur Errichtung eines eigenen Schulgebäudes zum Schulzentrum verlegt.

zu Bild 13:
Am 1.September 1974 wurde mit der Renovierung begonnen. Dazu wurde, wie das Foto zeigt, bis auf das Fachwerk der gesamte Baukörper entkernt. (Foto: Stadtarchiv)

zu Bild 14:
Im weiteren Ablauf wurden die Gefache ausgemauert. (Foto: Stadtarchiv)

zu Bild 15:
Die Gefache sind vermauert, nun werden die Fenster eingesetzt. (Foto: Stadtarchiv)

zu Bild 16:
Frontseite des Knickenberghauses. (Foto_Hilmar Henke 2025)

zu Bild 17:
Rückseite des Knickenberghauses. (Foto: Stadtarchiv)

zu Bild 18:
Das Knickenbergsche Institut musste etwas Besonderes gewesen sein. Noch 1927 wurde ein Werbeprospekt unter dieser Überschrift versandt, obwohl die Lehranstalt schon 1923 durch den Kommunalzweckverband (Stadt Telgte) übernommen wurde. (Foto: Stadtarchiv)

zu Bild 19:
Noch 1927/28 ließ die inzwischen städtische Schule ein neues Direktorenwohnhaus an der Grabenstraße 10 errichten. Man hoffte, damit einen dem guten Ruf der Schule entsprechenden Schulleiter anziehen zu können. Dr. Fred Kaspar (Foto: Hilmar Henke 2025)

 

 

 

Altes Gasthaus Pohlmeier, Steinstr. 30

1568
In unmittelbarer Nähe zum Steintor ließen der Magister Johannes Kellner, genannt Sluncrave, geb. zwischen 1483–1532 und seine Frau Cäcilia von Böckenförde gen. Schüngel, geb. zwischen 1498–1534 ein stattliches eingeschossiges Haus errichten, das durch die Verwendung von rotem Backstein und hellem Sandstein gestaltet wurde und vermutlich 1568 fertiggestellt wurde. Der Magister Johannes war der Sohn des Richters Matthaeus Kellner aus Unna, geb. zwischen 1439–1516. Der Sohn Johannes geb. zwischen 1548–1570, war später nicht mehr in Telgte wohnhaft. Das weitere Schicksal des Hauses und seiner Eigentümer lässt sich bis zum Jahre 1700 nicht mehr zurückverfolgen. Dabei könnte es sich um den Adelshof des Jobst von Langen gehandelt haben.
Stadt Telgte, Dr. Fred Kaspar, R. Willeke Genealogie, Hilmar Henke

1742
Nach Beendigung seiner Lehr- und Reisejahre und Ablegung einer Probe seiner Wissenschaft trat im Jahre 1742 Heinrich Ferdinand Diepenbrock (1714–1759) seinem Vater Johann Arnold Diepenbrock (1694–etwa 1756) als Scharfrichter in Münster zur Seite.
Fast 70 Jahre lang hatte die Familie Diepenbrock über mehrere Generationen hinweg den Scharfrichter für die Stadt Münster gestellt.
Der Sohn von Heinrich Ferdinand Diepenbrock (1714–1759), Friedrich Ferdinand Diepenbrock (Taufe 1749), war Scharfrichter in Brochterbeck. Er heiratete 1768 die Tochter Anna Maria Gertrud Esmeyer des Scharfrichters Franz Heinrich Esmeyer (geb. um 1717). Er war um 1749 Abdecker in Sendenhorst, von 1762 bis 1785 Scharfrichter und Halbmeister in Tecklenburg, lebte in Mettingen und war letzter Richter in Tecklenburg. Am 21. Oktober 1785 fand um 8:30 Uhr auf der Richterstätte auf dem Galgenkamp in Lengerich die letzte Hinrichtung in der Grafschaft Tecklenburg statt.
Klaus Gimpel, Hilmar Henke

1745
Um 1745 kam das eingeschossige Haus Steinstraße 30, in das Eigentum des Telgter Scharfrichters H. F. Diepenbrock.
An der Fassade zur Steinstraße ist mit großen eisernen Lettern sein Name H. F. (Heinrich Ferdinand) Dypenbrock und an dem Giebel die Angabe ANNO 1745 angebracht, was darauf hinweist, dass er das eingeschossige Haus 1745 um ein Stockwerk aufstocken ließ.
In dem vorderen Volutengiebel ist ein auf das Baujahr 1568 datierter Kaminsturz in Zweitverwendung mit Wappenfiguren und lateinischer Psalm-Inschrift eingemauert: „In manibus tuis sortes meae“. Übersetzung: In Deinen Händen liegt mein Schicksal. Zu beiden Seiten des Dielentores verzieren Rautenmuster aus schwarz gebrannten Backsteinen den Giebel. Das Rautenmuster auf der rechten Seite ist unvollständig dargestellt. Ob die rechte Giebelseite bei dem Stadtrand von 1739 zerstört wurde, ist nicht mehr zu ermitteln. Es wird vermutet, dass das Haus im Übrigen bei dem Stadtbrand von 1739 überwiegend unbeschädigt geblieben war.
Stadt Telgte, Hilmar Henke

1776
Die Familie Diepenbrock verkaufte ihr Anwesen 1776 an den Bäcker und Brauer Johann Hermann Peperhove, der seiner Gastwirtschaft den Namen „Im Mohrenkönig“ gab.
Die Zahl der Gastwirtschaften um 1785 war entsprechend der Bedeutung des Ortes als ländlicher Zentralort und Wallfahrstadt mit 29 Gaststätten sehr beträchtlich. Die nachfolgenden Besitzer betrieben darin jeweils Gastwirtschaften, seit nunmehr über 200 Jahren. Die Liste der Wirte, die mehrfach auch Brauer und Branntweinbrenner waren, enthält einige bekannte Telgter Namen. Um 1790 betrieb die Familie Paul Brüggemann, die aus St. Annen bei Melle stammte, eine Bäckerei, Brennerei, Kegelbahn und Gastwirtschaft. Ab 1902 folgten der Bäcker, Brauer, und Gastwirt Heinrich Füchtenhans, 1909 Bäcker, Brauer und Gastwirt Max Lasthaus, 1912 Schmied und Gastwirt Josef Feldbrügge und 1919 dann Gastwirt Heinrich Pohlmeier.
Stadt Telgte, Liste der Schildwirte, Westfälische Nachrichten

1919
Heinrich Pohlmeier übernahm 1919 die Gaststätte „Im Mohrenkönig“ und einen kleinen Laden mit Kolonialwaren von dem Schmied und Gastwirt Josef Feldbrügge.
Am 23. April 1919 erteilte der Kreisausschuss des Landkreises Münster die Genehmigung, für den Wirt Heinrich Pohlmeier in seinem Wohnhause Nr. 175 der Gemeinde Stadt Telgte eine Gast- und Schankwirtschaft zu betreiben.
Hilmar Henke

1927
Am 4. August 1927 stellte der Deutscher Benzol-Vertrieb Dortmund im Auftrag von Wirt Heinrich Pohlmeier Steinstraße 175, eine Anfrage an das Amt Telgte, um eine baupolizeiliche und allgemeine Genehmigung einer Benzol-Zapfsäule zu erstellen. Die Zapfsäule soll auf dem Grund und Boden von Heinrich Pohlmeier, in unmittelbarer Nähe der König- und Steinstraße, auf der Spitze (Vorplatz) der zentralen Durchgangsstraßen die Bertriebsstoffversorgung der Kraftwagenbesitzer sicherstellen.
Am 13. September 1928 schrieb der Deutsche Benzol-Vertrieb einen Brief an das Amt Telgte. Wir überreichen Ihnen hiermit die Abnahmebescheinigung zur Tankanlage des Heinrich Pohlmeier, Telgte, Steinstraße 175 (heute 30). Wie viele Jahre die Zapfsäule bestand, konnte nicht ermittelt werden, weil das Bochumer Verwaltungsgebäude gegen Kriegsende völlig zerstört wurde und alle Unterlagen des Archivs verloren gingen.
Hilmar Henke

1950
Der Rat der Stadt Telgte beschloss Ende 1950, ein öffentliches Versorgungsnetz für Trinkwasser zu entwickeln, weil die eigenen Haus- und Nachbarschaftsbrunnen nicht mehr ausreichten. Schon 1952 wurden die ersten Straßenpflaster aufgenommen, Gräben gezogen und die Frischwasserrohre in die Straße und Häuser verlegt. Demzufolge wurde der Brunnen auf der Ostseite des Hauses Felderstraße (heute Baßfeld) des Hauses nicht mehr genutzt. Eine Reaktivierung des Brunnens wäre realisierbar, da er noch ständig ausgiebig Grundwasser aufweist.
Hilmar Henke

1960
Heinrich Pohlmeier übergab 1960 seine Gastwirtschaft an Tochter Josefine und ihren Mann Josef Bracht. Unter ihrer Regie erfuhr das historische Gebäude nicht nur im Inneren, sondern auch außen entscheidende Veränderungen. Nach völliger Renovierung und Umgestaltung der Gasstätte erfolgte am 3. Dezember 1965 die Wiedereröffnung der traditionsreichen Gaststätte Pohlmeier-Bracht.
Jutta Bracht, Hilmar Henke

1966
Die erste vollautomatische Bundes-Kegelbahn in Telgte wurde im Februar 1966 im Gewölbekeller des historischen Hauses Pohlmeier-Bracht von Sieghard Herres, Planverfasser und bauleitender Architekt, errichtet.
Rundblick, 25. Februar 1966

1972
Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten nach dem Denkmalschutzgesetz wurde der alte Putz am Giebel an der Ecke Steinstraße/Baßfeld abgeschlagen, das Backsteinmauerwerk gesäubert und mit Fugenmörtel verfugt.
Hilmar Henke

1986
Das Wohn- und Gasthaus Pohlmeier-Bracht, Flurstück 330–331, wurde am 07.04.1986 in die Liste der Baudenkmäler der Stadt Telgte unter der Lfd. Nr. 1/95 eingetragen.
Hilmar Henke

1986
Der alte Anbau, wo früher Stallungen, eine Heißmangel und das Material der Shell-Tankstelle gelagert waren, wurde 1984 abgebrochen. An Ihrer Stelle ist ein großer Saal entstanden, der bis zu 90 Personen Platz bietet. Neben dem Saal wurden noch ein Kaminzimmer, die Küche und im Gewölbekeller eine zweite vollautomatische Bundeshegelbahn geschaffen. In dem Obergeschoss des Hauses entstanden Mietwohnungen und ein vollautomatischer Schießstand für die Schützenbrüderschaft „Sankt Anna“. Josef Pohlmeier stellte diesen Raum als Vereinsmitglied kostenlos zur Verfügung.
Westfälische Nachrichten, Hilmar Henke

1990
Am 19. September 1990 übergaben Josefine und Josef Bracht nach 32 Jahren im Rahmen eines Jubiläumsempfangs ihre traditionsreiche Gastwirtschaft an Tochter Jutta Kreutzer und ihren Mann Fred in die dritte Familientradition ab. Jutta und Fred Kreutzer planen einige Veränderungen. Für 1991 planten sie ein Gartenkaffee an der Ostseite des Hauses. Jutta Kreutzer hat diesen Sommer die Hauswirtschafts-Meisterprüfung abgelegt und plant im Bereich „Hauswirtschaft“ und „Fachgehilfen im Gastgewerbe“ auszubilden.
Westfälische Nachrichten, Hilmar Henke

 1992
Die Familie Pohlmeier-Bracht-Kreutzer hat, seitdem Heinrich Pohlmeier das Haus aus dem 16. Jahrhundert gekauft hatte, bei Instandsetzungen, Modernisierungen und Umbauten immer den Denkmalschutz-Gedanken mit einbezogen. Nach diversen Maßnahmen in der Vergangenheit wurden jetzt unter der Regie von Jutta Kreutzer Restaurierungen an dem Nordgiebel und der Rückseite des Hauses in Angriff genommen. Diesem Nordgiebel sowie der Rückseite des Hauses zum Baßfeld galt denn auch in den vergangenen Monaten Juli, August und September die Hauptarbeit der Handwerker, die zudem den Kaminkopf neu mauern mussten. Da wurde das gesamte Mauerwerk der Rückseite des Hauses gereinigt. Gegebenenfalls wurden einzelne Steine erneuert. Dann wurde die nicht gerade kleine Rückwand neu verfugt. Auch die die Rückwand so schön auflockernden Sandsteinfassungen, Giebelabdeckungen, Voluten und Gesimse aus Leistädter Sandstein wurden gründlich überholt, auch teilweise ausgewechselt. Ferner wurden die stark rostenden Maueranker entrostet und mit Epoxy-Rostschutz behandelt. Nun mussten noch neue Türen und Fenster auf der Rückseite des Hauses eingesetzt werden, was aber in den nächsten Wochen geschehen soll.
Westfälische Nachrichten, Hilmar Henke

2024
Nach über 105 Jahren schließt das Traditionsgasthaus „Altes Gasthaus Pohlmeier“ in Telgte für immer seine Gaststätte. Die Ferienwohnungen und die Kegelbahnen werden nicht geschlossen. Die Kegelbahnen werden durch eigenen Service weiterbetrieben.
Jutta Bracht

Danksagung
Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, die mich mit Informationen unterstützt haben. Jutta Bracht, Dr. Fred Kaspar, Stadtarchiv Telgte, Klaus Schwinger, Edgar Winter, Westfälische Nachrichten.

Hilmar Henke

 

Bemerkungen zu den Bildern

zu Bild 1:
Hausschild „Pohlmeier Bracht Steinstraße 30“

zu Bild 2.a:
Genehmigungsurkunde, für Wirt Heinrich Pohlmeier eine Gast- und Schankwirtschaft zu betreiben.

zu Bild 2.b:
Rückseite der Genehmigungsurkunde.

zu Bild 3:
Erhebung einer Kreissteuer: Es handelt sich um Übernahme der bisher von For. Feldbrügge betriebenen Wirtschaft. Münster, den 9. April 1919

zu Bild 4.a:
Aufriss, Seitenriss und Grundriss der Zapfsäule Type D. von der Benzol-Verband-GmbH Bochum.

zu Bild 4.b:
Beschreibung und Betriebserklärung der Zapfsäule Type D.

zu Bild 4.c:
Abnahme-Bescheinigung, Dortmund, den  22. August 1928.

zu Bild 4.d:
Foto vor1937 mit der (B. V.) Benzol-Zapfsäule, Schaufenster li. und li. ein Kaugummiautomat.

zu Bild 5:
Pohlmeier Bracht. Steinstraße 30, Foto 1954.

zu Bild 6.a:
Fassade zum Baßfeld vor der Restaurierung 1992.

zu Bild 6.b:
Fassade zum Baßfeld nach der Restaurierung 1992.

zu Bild 7:
Josefine und Josef Bracht übergeben die Gaststätte an ihre Tochter Jutta Kreuzer.

zu Bild 8:
Die Inschrift über der kleinen Tür an der zur Steinstraße gelegenen Seite ist eine gereimte Übersetzung des Bibelspruches nach Psalm der Hebräer Zahl  15 nach heutiger Zählung Psalm 14.

Kleine Mühle, Emstor 5

Die beiden Telgter Emsmühlen, die Große und die Kleine Mühle, gehörten jahrhundertelang zum Besitz des Fürstbischofs in Münster und wurden durch Pächter betrieben. Die Geschichte der Kleinen Emsmühle reicht sehr weit zurück, die erste urkundliche Erwähnung einer Mühle stammt aus dem Jahr 1137.
Die „Kleine Mühle“ befindet sich derzeitig im Eigentum der Stadt Telgte.
Stadt Telgte, Dr. Jürgen Voßhans

1776
Als Heinrich Anton Terfloth 1776 die Telgter Mühlen für seinen Sohn Clemens August Anton Terfloth (1758-1833) vom Fürstbischof von Münster in Erbpacht übernahm, tat er dies für einen Achtzehnjährigen. Er selbst der Wiegemeister aus Greven, der mit der aus Ungarn stammenden Elisabetha Zwerger verheiratet war, offenbarte dabei eine Zielstrebigkeit, die sichtlich darauf angelegt war, die existentielle Grundlage für eine Generationenfolge zu schaffen.
Stadt Telgte

1790
Clemens August Anton Terfloth (1758-1833) heiratet am 11.5.1790 Christine Ernesti, die Tochter des Telgter Kaufmanns und Holzhändlers Bernd Joseph Ernesti. Dieser stammte aus Münster und hatte 1765 das Telgter Bürgerrecht erworben. Clemens August Anton Terfloth indes wurde mit den Telgter Bürgerrechten im Jahr nach seiner Heirat (1791) belehnt.
Mit Christine Ernesti hatte Clemens August Anton Terfloth nicht nur eine außerordentlich tüchtige Lebensgefährtin gewonnen, sondern auch eine Frau, die später ein erhebliches väterliches Erbe in die Familie brachte. Aus der Ehe gingen zwölf Kinder - zwei Söhne und zehn Töchter – hervor, die zum Teil jedoch schon in frühen Jahren der Familie durch den Tod wieder genommen wurden. Auch beide Söhne überlebten ihren Vater nicht. Anton Clemens August Katharina, der älteste, geboren am 14.5.1791, stand, als er an „Zehrung“ starb, 1823 in militärischen Diensten. Der zweite Sohn, geboren am 13.11.1802, starb in noch jüngerem Alter. Er trug den Namen Clemens August Maria Terfloth.
Stadt Telgte

1803
Nach der Aufhebung des Fürstbistums Münster im Jahre 1803 wurde der preußische Staat Eigner der Emsmühlen. Allerdings ergab sich für Clemens August Anton Terfloth die Möglichkeit, die Mühlen als Eigentum zu erwerben. Als er 1833 starb, führte seine Frau Christine Terfloth die Verhandlung weiter. 1838 gelang es ihr, zum Verkaufsabschluss mit der Provinzialregierung zu kommen und den Mühlenhof mit den Emsmühlen für ihre Familie zu sichern. Als Christine Terfloth geborene Ernesti 1850 starb, erbten ihre vier unverheirateten Töchter den Besitz, Angela, Lisette, Dina  und Maria Angela Franciska Terfloth (1798-1883), die ihre Schwestern um 20 Jahre überlebte. Bis zu ihrem Tod 1883 war sie Alleineigentümerin. Sie vererbte ihr Privatvermögen mit dem Haus am Markt 3 (früher Nr. 141) an ihre Nichten Laura und Fanny Meckel. Im Testament wurde genau festgehalten, wie die Mühle in den folgenden Generationen weitervererbt werden musste, damit das Erbe ungeschmälert der Familie erhalten blieb und nicht an die Familie eines möglichen Schwiegersohnes fiel.
Stadt Telgte

1860
In den 1860er- Jahren errichtete Angela Terfloth unter dem Verwalter Bernhard Kappenwerth auf der rechten Uferseite eine Sägemühle. Sie hatte zwei Fallgitter und eine Kreissäge. Jedes Gatter war immerhin mit etwa 10 Sägeblättern ausgestattet, so dass die Sägemühle recht leistungsfähig und vielleicht der einträglichste Teil des Gesamtunternehmens war.
Stadt Telgte

1871
Die Mühlenbesitzerin Fräulein Maria Angela Franciska Terfloth (1798 – 1883) beauftragte den Mühlenbaumeister Heinrich Remme aus Brochterbeck mit der Planung einer neu anzulegenden Sägemühle. Am 2.3.1871 stellte der Mühlenbaumeister seinen Entwurf über die neue Sägemühle vor. Statt der vorgesehenen Wasserturbine wurde ein Wasserrad eingebaut.
Am 13.10.1871 erfolgte die Genehmigung von der Königlichen Regierung in Münster zum Umbau der Sägemühle.
Stadt Telgte

1874
Nur drei Jahre später, beauftragte die Mühlenbesitzerin Fräulein Maria Angela Franciska Terfloth (1798 – 1883) erneut den Mühlenbaumeister Heinrich Remme aus Brochterbeck mit der Planung des Umbaues der Mahlmühle. Am 26.2.1874 stellte der Mühlenbaumeister seinen Entwurf über den Umbau vor. Die Mühle soll mit dem Einbau eines Wasserrades statt der vorhandenen 3 Wasserräder umgebaut werden.
Am 4.5.1874 erfolgte die Genehmigung von der Königlichen Regierung in Münster zum Einbau eines Wasserrades statt der vorhandenen 3 Wasserräder.
Stadt Telgte

1890/91
Im Winter 1890/91 brannte die Sägemühle bis auf die Grundmauern ab. Als Versicherungssumme wurden 10 000,- M bezahlt. Es ist heute nicht mehr festzustellen, warum die Sägemühle nicht wieder aufgebaut wurde.
Stadt Telgte

1899
Albert Bruens (1870-1952) kam 1899 aus Anholt als Verwalter der Terflothschen Mühlen nach Telgte. Er heiratete Antonia Becker, eine Nichte von Anna Laura Bernadina Meckel (1837-    ) auch sie wohnten im Haus Markt 3 (früher Nr. 141).
Stadt Telgte

1902
Im Jahre 1902 wurde am Dümmert die neue „Kleine Mühle“ auf den Fundamenten der 1890/ 1891 abgebrannten Sägemühle errichtet. Die alte Mühle auf der gegenüber liegenden Seite war damals so baufällig, dass sie stillgelegt werden musste. Die schweren eichenen Balken wurden beim Bau der neuen kleinen Mühle mit verwendet. Das neue zweigeschossige Mühlengebäude mit massivem Erdgeschoss sowie ausgemauertem Fachwerk im Obergeschoss und Giebel wurde nicht mehr mit einem Wasserrad, sondern mit einer ca. 80 PS starken Francisturbine der Firma Briegleb, Hansen & Co., Gotha, mit einem Mahl- und einem Schrotgang neuzeitlich eingerichtet. Als Berater für diesen Umbau trat Direktor Kalt von der Prüfungsstation für landwirtschaftliche Maschinen in Münster in Erscheinung. Gleichzeitig richtete die Firma im Neubau einen Mehl- und Futtermittelhandel ein und ließ nachträglich noch einen zweiten Schrotgang einbauen. Zur Bequemlichkeit der vielen kleinen Ackerbürger in Telgte fuhr damals fast täglich ein „Korndriewer“ mit einem Mühlenwagen durch die Straßen, um Korn abzuholen und Mehl und Futtermittel zurückzubringen. Der letzte Korndriewer war Bernhard Schwienhorst, der länger als 40 Jahre der Firma gedient hat.
Stadt Telgte, Dr. Jürgen Voßhans

1908
Die Firma A. Terfloth ging wegen hoher Verbindlichkeiten 1908 in Konkurs. Der Bauunternehmer Heinrich Hardensett aus Telgte kaufte den neu gebauten Mühlenhof, die Große Mühle und die „neue Kleine Mühle“ am Emstor, jedoch ging die „neue Kleine Mühle“ vertraglich erst 1914 in seinen Besitz über. Die Große Mühle wurde stillgelegt und die Kleine Mühle von Albert Bruens weitergeführt.
Stadt Telgte

1914
Die kleine Mühle am Emstor wurde 1914 an Friedrich Dunkel verpachtet, der noch eine Handelsmühle an der Ecke Bahnhofstraße/Grabenstraße Nr. 35-37 betrieb. Hier hatte auch die Bäuerliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft, die in Telgte 1910 gegründet wurde, ihre erste Niederlassung. Dunkel hat die kleine Mühle nach der Inflation im Jahre 1924 mit drei Doppelwalzenstühlen der Firma Seck in Dresden zur Handelsmühle umbauen lassen und

betrieb die Handelsmühle bis Juni 1956.
Stadt Telgte

1931/32
Friedrich Dunkel ließ in nördlicher Richtung ein Lagergebäude errichten, das an die typische Industriearchitektur der 1920er Jahre angelegt war.
Dr. Jürgen Voßhans

1956
Sein Sohn Fritz Dunkel kam nach dem zweiten Weltkrieg in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Müllereimaschinen wurden veräußert und die Mühle mit der Wasserkraft an Kurt Teichert verkauft. Damit war das Ende der Wassermühlen zu Telgte gesetzt. Ein über 1000- jähriges, wechselvolles Kapitel war abgeschlossen.
Stadt Telgte, Dr. Jürgen Voßhans

1961
Teichert, der eine Großhandlung betrieb, nutzte von da an die Wasserkraft nur zur Stromerzeugung für den eigenen Betrieb. In den 1980er-Jahren verkümmerte das markante Gebäude am Emstor zu einem unscheinbaren Lagerhaus, deren bauliche Substanz offenkundig verfiel.
Dr. Jürgen Voßhans

1979
Die Mühle befindet sich derzeitig im Eigentum der Stadt Telgte. Die Stauanlage wurde 1979 umfangreich saniert. Das ursprüngliche Staurecht wurde 1979 mit der Stillegung der alten Turbinenanlage gelöscht. Das Land NRW wurde Eigentümer der Emsstauanlage. 1990 wurde dann von der Stadt Telgte für diesen Standort erneut die Erlaubnis zur Wasserentnahme aus der Ems zum Zweck der Wasserkraftnutzung beantragt und in der Folge erteilt. Die damals geplante Nutzung – Durchströmung einer Wasserradanlage zur Energiegewinnung – konnte wegen technischer Probleme nicht umgesetzt werden. 2004 wurde mit dem Einbau der jetzigen Turbine, die o. a. vorhandene Erlaubnis der Stadt Telgte an die ECM- Energie Concept Münster GmbH (als Rechtsnachfolgerin, 2004) abgetreten.
Dipl.-Ing. Klaus Brockmeier

1988
Das zweigeschossige Mühlengebäude mit massiven Backsteinerdgeschoß sowie ausgemauertem Fachwerk im Obergeschoß und Giebel wurde am 01.08.1988 in die Liste der Baudenkmäler der Stadt Telgte unter der Lfd. Nr. 1/96 eingetragen.
Stadt Telgte

2001
Das Kinder- und Jugendwerk Telgte e.V. wurde im April 2001 gegründet und betreibt in enger Kooperation mit der Stadt Telgte das Jugendzentrum in der Mühle am Emstor als Einrichtung der offenen Kinder- und Jugendarbeit mit zwei hauptamtlichen Fachkräften. Darüber hinaus ist das Kinder- und Jugendwerk Träger der aufsuchenden Jugendarbeit mit einer hauptamtlichen Fachkraft.
Stadt Telgte

2004
2004 wurde mit dem Einbau der jetzigen Rohrturbine, die o. a. vorhandene Erlaubnis der Stadt Telgte an die ECM- Energie Concept Münster GmbH (als Rechtsnachfolgerin, 2004) abgetreten.
Dipl.-Ing. Klaus Brockmeier, Philipp Kruse

2006
Der Arzt Dr. med. dent. Jürgen Voßhans kaufte am 13. April 2006 das nördlich angrenzende Lagergebäude der „Kleinen Mühle“ und richtete seine oralchirurgische Praxis ein.
Die Anbauten im Stil der Industriearchitektur entstanden in den 1930er-/1940er-Jahren und dienten als Pferdestall, Motor-, Lager- und Büroraum. Besitzer war damals Friedrich Dunkel, der die Handelsmühle bis 1956 betrieb.
Dr. Jürgen Voßhans, Stadt Telgte

 

Danksagung
Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, die mich mit Auskünften und Fotos unterstützt haben, Dr. Fred Kaspar, Dr. med. dent. Jürgen Voßhans, Dipl.-Ing. Klaus Brockmeier, Philipp Kruse, Klaus Schwinger, Jutta Holtkötter, Julia Plötzgen, Hans Melchers und Albert Bruens.

Hilmar Henke

Bemerkungen zu den Bildern

zu Bild 1:
Sägemühle und kleine Kundenmühle „Westansicht“.
Nach einem Aquarell von Prof. Carl Determeyer, gemalt nach einer Fotografie aus den Jahre 1875, im Besitz von Albert Bruns, Telgte.
Stadt Telgte

zu Bild 2:
Die vier unverheirateten Geschwister.
Maria Angela Franciska Terfloth   (1793 -1883).
Catharina Gertrud Terfloth          (1796 – 1869).
Anna Maria Elisabeth Terfloth      (1800 – 1864).
Barbare Bernadina Terfloth         (1810 – 1863).
Stadt Telgte

zu Bild 3:
Entwurf des Mühlenbaumeisters Heinrich Remme aus Brochterbeck vom 2.3.1871 über eine neu anzulegende Sägemühle für Mühlenbesitzerin Fräulein Angela Terfloth zu Telgte a. d. Ems.
Stadt Telgte

zu Bild 4 & 4.1:
Zeichnung des Mühlenbaumeisters Heinrich Remme aus Brochterbeck vom 26.2.1874 über den Umbau der Kornmahlgänge in der Mühle des Fräulein Angela Terfloth zu Telgte a. d. Ems zum Einbau eines Wasserrades statt der vorhandenen 3 Wasserräder. Auf dem Foto 4.1 sind noch die drei Wasserräder zu erkennen.
Stadt Telgte

zu Bild 5:
1902 wurde am Dümmert die neue „Kleine Mühle“ auf den Fundamenten der abgebrannten Sägemühle errichtet.
Hans Melchers

zu Bild 6:
Die Kleine Mühle, ist seit 2001 ein Jugendzentrum.
Hilmar Henke

zu Bild 7:
Friedrich Dunkel übernahm noch in den 1890er-Jahren eine Handelsmühle an der Ecke Bahnhofstraße/Grabenstraße Nr. 34-37. Hier hatte auch die Bäuerliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft, die in Telgte 1910 gegründet wurde, ihre erste Niederlassung.
Stadt Telgte

zu Bild 8:
Bild um 1980
Der zwerghausähnliche Dacheinbau mit seinem Pultdach auf der Westseite der Mühle, ist bei Erneuerung des Daches nicht übernommen worden.
Stadt Telgte

zu Bild 9:
LWL-Bild- und Planarchiv Nr. Telgte, Emstor 5 TKD-Film 1865 Neg_30.

zu Bild 9.1.
LWL-Bild- und Planarchiv Nr. Telgte, Emstor 5 TKD-Film 1865 Neg_32.
Das seit einiger Zeit schon stillgelegte Wasserrad, wurde für die Baumaßnahme der neuen Rohrturbine abmontiert.
ECM Energie Concept Münster GmbH, Philipp Kruse

zu Bild10 und 11:
Zeichnung und Einbaulage der Rohrturbine, der Fa. WP Waterpumps Oy, Helsinki
50kW mit Direktgekoppeltem Asynchrongenerator.
ECM Energie Concept Münster GmbH, Philipp Kruse

zu Bild 12:
In dem nördlich angrenzenden ehemaligen Lagergebäude der Kleinen Mühle, richtete Dr. med. dent. Jürgen Voßhans seine oralchirurgische Praxis ein.
Hilmar Henke

 

Notruf in der Warteschleife

Der Heimatverein Telgte hat sich Anfang 2013 mit dem Thema „Hilfe in Notfällen„ befasst. Ziel war es, die von der Stadt Telgte übernommene Pflege der Ruhebänke in der Stadt zu erweitern und die Bänke mit einem System zu versehen, welches im Notfall schnelle Hilfe leistet. Die Stadt hat mit dem Heimatverein Telgte ab Januar 2013 mit der Grundlagenbeschaffung begonnen.

Vorstellung der Aufgaben der AG-Bänke

Da der Heimatverein Telgte von 1900 e.V. seinen Ursprung auch als „Verschönerungs-Verein“ hat, wurde am 12.06.2014 mit der Stadt Telgte ein Vertrag über die Pflege und Unterhaltung der Parkbänke geschlossen.

Geschichte des Wohn- und Geschäftshauses Markt 2

 

 

Das Haus Markt 2 ist insofern bemerkenswert, weil hier früher die
Kaufmannsfamilie Schräder ansässig war, die im 19. Jahrhundert das
Wirtschaftsleben in Telgte entscheidend mitbestimmt hat.

 

1773
Johann Hermann Schräder (geb. 1746 in Bevergern) lässt sich in Telgte als Toddenhändler nieder. Als Stoff- und Tuchhändler legt er den Grundstein für mehrere Generationen überdauernden Erfolg der Unternehmerfamilie.
Vorstellbare Gründe für seine Abwanderung sind jahrzehntelange Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarorten oder das Fehlen einer Walkmühle in Bevergern. Außerdem wurde nicht jeder Handwerker bzw. Tuchmacher in eine Gilde aufgenommen und die Absatzmöglichkeiten der Schräderschen Waren wahren schlecht.
Stadtarchiv Telgte, Stadtarchiv Hörstel Sabine Jarnot

1790
Johann Hermann Schräder lässt das Haus Markt 2, früher Telgte-Stadt Nr. 142, errichten.
Über dessen Sohn Andreas (1788-1858) heißt es in einer Akte des Stadtarchivs, dass er Handel mit ,,Ellen-Waren und Tüchern" trieb und gute Geschäfte machte. Dessen Söhne, Carl (1820-1899) und August (geb. 1822), führten dieses Geschäft weiter, das als ,,Manufakturwarengeschäft en detail und Handel mit Bettfedern en gros" bezeichnet wurde. Ihre Kleidung und die Aussteuer kauften die Telgter also damals bei Schräders.
Stadtarchiv Telgte

1861
Carl Schräder gründet zusammen mit seinem Bruder August eine Bettfedernreinigungsfabrik in einem Hinterhaus des Wohngebäudes Markt 2, das früher als Stallung oder Scheune gedient hatte.
Im April 1865 wird dort ein Dampfkessel zur Bettfedernreinigung aufgestellt, der aber wegen technischer Schwierigkeiten nie in Betrieb gesetzt wurde.
1872 begannen die Brüder mit dem Aufbau einer neuen Fabrik zum Reinigen von Bettfedern an der Herrenstraße 8.
Stadtarchiv Telgte

1905
Das Haus Markt 3, (früher Stadt Nr. 141) wird von Schräders gekauft, ausgebaut und mit dem Haus Markt 2 (früher Stadt Nr. 142) zusammengelegt.
Der Ausbau im hinteren Bereich der beiden Häuser geschah zugleich, sodass ein Haus mit einem gemeinsamen tragenden Fachwerk sowie gemeinsamen Zwischenböden entstand. Im vorderen Bereich wurde die Aufstockung Markt 3 an das Haus Markt 2 angebaut, sodass es hier keine Brandmauer gibt. Heute noch sieht man, dass die Etagen exakt auf derselben Höhe liegen.
Stadtarchiv Telgte

1912
Das Manufakturwarengeschäft der Familie Schräder gerät in Konkurs und die Immobilie muss verkauft werden.Schräders besaßen nicht nur die Bettfedernfabrik, sondern hatten im Laufe der Zeit noch andere Immobilien und Betriebe aufgekauft, beispielsweise die große Weberei Ferdinand Rohling und Hugo Rawe in Verth 78 (heute Winkhaus) die 1904 in Konkurs geriet. Diesen Betrieb wandelte August Schräder in die Aktiengesellschaft „Telgter Weberei und Bleicherei AG“ um. Trotz aller Bemühungen kam die Fabrik nicht wieder richtig in Gang, sodass 1909 Konkurs angemeldet werden musste. Ein weiteres Unglück im selben Jahr war, dass die Aerogengasanstalt, die August Schräder ebenfalls besaß, durch eine Explosion zerstört wurde.
Stadtarchiv Telgte

1925
Joseph Hansen kauft das Haus Markt 2 und richtet darin eine Druckerei ein.
Anton Moritz Hansen (1833-1919) aus Geseke übernahm mit 29 Jahren die Buchbinderei Kapellenstraße 7, (früher Stadt Nr. 52) durch Einheirat mit der Witwe des Buchbinders Schepers.
Schon früh (1906) begann Sohn Joseph Hansen (1878-1940), in Telgte mit dem Betrieb einer Etikettenfabrik und einer Buchdruckerei am Münstertor 2. (früher Stadt Nr. 506).
Stadtarchiv Telgte

1954
Wolfgang Hansen (1927-2009) Sohn von Joseph Hansen, verlegt seine Druckerei in das Gewerbegebiet Orkotten. Das Erdgeschoss des Hauses Markt 2 wird wenige Jahre später als Geschäftslokal vermietet.
Stadtarchiv Telgte

1955
Ernst und Eleonore Kratz beziehen einen Fabrikationsraum und eine kleine Wohnung im Haus und eröffnen die Hutfabrik Kratz. Ernst Kratz beschäftigt dort insgesamt drei junge Frauen, die mit den vorhandenen Nähmaschinen Sommerhüte fertigen.
Stadtarchiv Telgte

1956
Ernst Kratz stirbt an einer Herzembolie und die Hutfabrik wird beim Gewerbeamt wieder abgemeldet. Nach der Schließung der Hutfabrik im Jahre 1956 diente das Haus bis in die 1970er Jahre verschiedenen Zwecken: u.a. als Wohnhaus, Drogerie - „der seifen platz“, oder auch umgangssprachlich "seifen-puls" genannt und das Blumengeschäft-Böttcher.
Stadtarchiv Telgte

1960
Der Schuster Theo Kemper betrieb seine Werkstatt im Erdgeschoss des Hauses Markt 2. Eingang war zwischen dem Rathaus und der Druckerei bis 1972. Siehe Bild: 4, 6, 7.
Stadtarchiv Telgte

1973
Das Schreib- und Spielwarengeschäft Hansen ist von der Kapellenstraße 8 (früher Stadt Nr. 506). zum Markt 2 umgezogen. Eröffnung der neuen Räume am Markt, war der 1. Dezember 1973.
Durch den Umbau des Hauses Markt 2, konnte die Verkaufsfläche um mehr als das Doppelte erweitert werden. Daher war es möglich, das vorhandene Angebot mit weiteren Artikeln zu erweitern.
Westfälische Nachrichten

1991
Inhaberin  Ursula Hansen  e. K. führt das Fachgeschäft für Spielwaren, Schreibwaren und Schul-und Bürobedarf, ab 1991 bis heute in vierten Generation.
Hilmar Henke

Danksagung:
Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, die mich mit Informationen unterstütz haben,  Dr. Fred Kaspar, Klaus Schwinger, Tourismus + Kultur, Ingo Mayer, Britta Stratmann, Julia Plötzgen und Ursula Hansen.

Hilmar Henke

Bemerkungen zu den Bildern

zu Bild 1: Postkarte um 1905.
(v.l.) Rathaus Markt 1. Die beiden Nachbarhäuser gehörten der angesehenen und wohlhabenden Kaufmannsfamilie Schräder.
Stadtarchiv Telgte

zu Bild 2: Etikett vor 1925. Joseph Hansen verlegte seine Druckerei von der Kapellenstraße 52 zum Mart 2.
Hilmar Henke

zu Bild 3: von November 1953. Markt 2 zwischen dem Rathaus und der Druckerei Hansen ist noch der Eingang zur Arbeitsstätte des Schusters Theo Kemper zu sehen.
Ursula Hansen

zu Bild 4:  Markt 2, von April 1957.
Stadtarchiv Telgte

zu Bild 5:  Dieses Foto wurde von der Münsterstraße  Richtung Marktplatz im Juni 1963 aufgenommen.
(v.l.) Altes Rathaus, Schuster Theo Kemper, Wolfgang Hansen und REWE-Lebensmittelgeschäft Albert Pieper.
Ursula Hansen

zu Bild 6: Dieses Foto wurde von der Steinstraße Richtung Marktplatz im Juni 1963 aufgenommen.
(v.l.) Altes Rathaus, Schuster Theo Kemper, Wolfgang Hansen.
Ursula Hansen

zu Bild 7: Um 1980, Wolfgang Hansen Schreibwaren mit einer Glasvitrine vor dem Eingang.
Stadtarchiv Telgte

zu Bild 8: Samstag 1. Dezember 1973 Eröffnung nach dem Umbau.
Westfälische Nachrichten

zu Bild 9: Zeichnung aus dem Buch "Telgte in alten Ansichten" um 1908. Die Etikettenfabrik und Buchdruckerei von Joseph Hansen am Münstertor 2.
Hans Melchers

zu Bild 10: Buchbinderei und Buchdruckerei Anton Moritz Hansen (1833-1919) Kapellenstraße 52.
Stadtarchiv Telgte

 

Geschichte des St. Klara-Hauses, Herrenstraße 7

Das Fachwerkhaus ist insofern bemerkenswert, weil hier früher Pater Christoph Bernsmeyer, Gründer des Ordens der Mauritzer Franziskanerinnen gewohnt hat.

17. Jahrhundert
Das vermutlich im späten 17. Jahrhundert errichtete Fachwerkhaus mit vorkragendem Giebel ist in mehrfacher Hinsicht von großer historischer Bedeutung. In dem Giebelbalken steht:
„Alls wat wi sind un häft kümp von buorben In usse Maoderspraok Haer laot Di luoben“
das heißt: „Alles Gute kommt von oben In unserer Muttersprache Herr lass dich loben.“
Durch seine zweigeschossige Hausfront und ungewöhnliche Raumstruktur hob es sich von der sonstigen Bebauung in Telgte ab. Im vorderen Drittel des Hauses sind die Räume zweigeschossig angeordnet, erst dahinter befinden sich die zeittypische hohe Küche und rückwärtig eine unterkellerte Saalkammer. Als reines Wohnhaus ohne Wirtschaftsdiele geplant, wurde es noch im 19. Jahrhundert vornehmlich von Bediensteten der Kirche als bescheidene Unterkunft genutzt.
Dr. Fred Kaspar, Stadtarchiv Telgte

1800
Die ursprüngliche Erschließung des vorderen Obergeschoßraumes sowie des Dachbodens ist noch erkennbar. Hier ist wohl um 1800 ein Umbau bzw. eine Neugestaltung vorgenommen worden. Der hierbei geschaffene Zustand ist bis heute erhalten geblieben.
Dr. Fred Kaspar

1820
Von 1820 bis 1858 wohnte hier der Franziskanerpater Christoph Bernsmeyer (1777-1858) aus Rietberg, der seit 1808 als Seelsorger in der Pfarrei aushalf. Er bewohnte die erste Etage des Hauses, das damals als Vikarie der Gemeinde diente. 1844 legte er den Grundstein für das „Krankenspital auf der Hülle“ in Telgte,  das heutige „St.-Rochus-Hospital“. Hieraus gründete er den Orden der Mauritzer Franziskanerinnen, die sich heute weltweit in der Pflege und Betreuung kranker Menschen engagieren.
Dr. Fred Kaspar, Stadtarchiv Telgte

1960
Spätere Baumaßnahmen des 19. und 20. Jh. beschränkten sich weitgehend auf Modernisierungsmaßnahmen, wobei der Ersatz des rückwärtigen Fachwerkgiebels um 1960 durch eine massive Backsteinwand, zusammen mit der hier vorgenommenen Änderung des Daches zu Krüppelwalm am stärksten in die Substanz eingegriffen hat (die Konstruktion des alten Giebels bleibt an den erhaltenen Eckständern noch erkennbar).
Der Zustand, wie er zur Zeit von Pater Bernsmeyer bestanden hat, ist heute, bis auf einige Baumaßnahmen, noch weitgehend erhalten geblieben.
Dr. Fred Kaspar

1990
Nach der Übernahme durch die Genossenschaft der Franziskanerinnen in Münster ist das „Schwesternhaus St. Klara“ seit 1990 ein Ort der Besinnung. Es gibt einen Raum, in dem deutlich wird, dass die ehemalige Vikarie heute ein Konvent ist. In dem ehemaligen Kartoffelkeller hat sich Schwester Theodore eine Hauskapelle eingerichtet, mit Kniebänken, Kreuz, Kerze, Ikone und Tabernakel, in dem sie den Leib Christi für die Krankenkommunion aufbewahrt, zu der sie regelmäßig aufbricht.
Stadtarchiv Telgte, Michael Bönte

2016
An der denkmalgeschützten Eichentür, die bauzeitlich dem späten 17. Jahrhundert zugeordnet werden kann, zeigten sich Risse in den Verkittungen und Abplatzungen am Lack. Um die denkmalgeschützte Tür zu erhalten, wurde die Lackoberfläche der historischen Tür von einem Restaurator aufgearbeitet. Die Lackoberfläche der Außenseite wurde mit Hilfe einer Speetdheater-Infrarotlampe bearbeitet und die Farbschichten substanzschonend abgetragen. Nach dem Schleifen und Grundieren der Oberfläche wurden die Längsfugen zwischen den Profilbrettern mit einer Fugenversiegelungsmasse geschlossen. Die Außenfläche der Tür wurde mit einem ventilierenden Lack nach der vorhandenen Farbgebung neu beschichtet und zweifarbig mit Strichen abgesetzt. Für die Zeit der Restaurierung wurde der Nebeneingang zum „Paotersgänsken“ genutzt.
Schwester M.Dietmara, Schwester M. Raphaelis, Provinz-Echo, Ralf Körner

 

Danksagung
Ich möchten mich bei allen herzlich bedanken, die mich mit Informationen unterstütz haben, Dr. Fred Kaspar, Reinhold Schmelter, Schwester M. Dietmara, Schwester M. Raphaelis, Provinz-Echo, Schwester Theodore, Ralf Körner und Klaus Schwinger.

Hilmar Henke

 

Bemerkungen zu den Bildern
zu Bild 2:
Ersatztürblatt während der Reparaturdauer.
Foto: Schwester M. Dietmara, Schwester M. Raphaelis, Provinz-Echo.

zu Bild 3:
Außenfläche der Tür während des Entlackens.
Foto: Ralf Körner (Restaurator).

zu Bild 4:
Tür nach der Restaurierung
Foto: Hilmar Henke

zu Bild 5:
Kapelle
Foto: Hilmar Henke

zu Bild  6:
Giebelinschrift
Foto: Christian Westphälinger

 

Geschichte des Wohn- und Geschäftshauses Emsstraße 1

 

1670
Das ursprüngliche eingeschossige Dielenhaus, das um 1670 errichtet wurde und dessen Fachwerk-Kern im rückwärtigen Teil noch erhalten ist, bot genügend Platz für den Wohn- und Wirtschaftsbereich sowie einen Laden zum Verkauf von Kolonialwaren und Lebensmitteln.
Stadtarchiv Telgte

1762
Seit 1762 gehörte das Haus dem Bäckermeister Friedrich Anton Zurbrüggen (1732-1771) aus Telgte. Es ist anzunehmen, dass er die Backwaren in seinem Laden verkauft hat. Er hatte das Bürgerrecht und war Mitglied der Bäckergilde. 1767 heiratete er Anna Maria Rüschhoff aus Harsewinkel. Nach dem Tod ihres Ehemannes heiratete sie 1772 den Kaufhändler und Krämer Johann Theodor Koch, geb. 1749 in Fürstenau.
Stadtarchiv Telgte

1772
Durch „Witwenheirat“ 1772 kam das Haus in den Besitz des Kaufhändlers Johan Theodor Koch. Seit den 1820er- Jahren beherbergte es neben dem Krämerladen noch eine Gastwirtschaft, die von dem Tierarzt Gerhard Stentrup, der von 1867 bis 1896 hier praktizierte, als Nebenerwerb weitergeführt wurde.
Stadtarchiv Telgte

1848
Von ca. 1848 bis Anfang der 1870er Jahre hat außerdem die Familie Terfloth (Mühlenbesitzer) in dem Haus gewohnt, anschließend der Telgter Arzt Dr. med. Ferdinand Fowé, der 1875 verstorben ist.
Stadtarchiv Telgte

1890
Um 1890 ließ er den vorderen Teil des Hauses durch ein zweites Stockwerk aufstocken.
Stadtarchiv Telgte

1904
Die Witwe Elisabeth Stentrup ließ den zum Markt hin architektonisch aufwendigen Giebel 1904 zu einem Renaissance-Giebel umbauen.
Stadtarchiv Telgte

1928
Möglicherweise noch vor dem Ersten Weltkrieg eröffnete der Kaufmann Heinrich Wientgen (1858-1939) einen Laden in dem Haus, der 1928 von Heinrich Füchtenhans (Lebensmittelhändler) und dessen Schwiegersohn Hermann Bieling (Kolonialwarenhändler) weitergeführt wurde.
Stadtarchiv Telgte

1935
Der schöne Renaissance-Giebel, der seit 1904 die Fassade schmückte, wurde durch einen schlichten Treppengiebel ersetzt. Besitzer des Hauses war damals Heinrich Füchtenhans.
Stadtarchiv Telgte

1958
Ab 1958 hat Albert Pieper in dem Haus den ersten REWE-Lebensmittel-Selbstbedienungsladen in Telgte betrieben. In den 1970er Jahren ließ Maria Pieper umfangreiche Renovierungs- und Umbaumaßnahmen durchführen, u.a. die Vergrößerung des Ladenlokals. Nachfolger des REWE-Lebensmittel-Selbstbedienungsladens war Alfred Drüen, der das Geschäft 1984 aufgab.
Stadtarchiv Telgte

1984
Von September 1984 bis September 2003 nutzte einst das größte Drogeriemarktunternehmen Europas Anton Schlecker das Geschäftslokal im Erdgeschoß.
Susanne Pieper-Woltering

2004
Diplom Grafik-Designerin Theora Krummel leitete von Januar 2004 bis Februar 2010 Kurse in allen Maltechniken im Erdgeschoß des Hauses.
Susanne Pieper-Woltering

2010
Hildegund Denaro aus Gladbeck eröffnete im Mai 2010 im Erdgeschoß des Hauses ein Fachgeschäft für Damenmoden, das bis März 2019 existierte.
Susanne Pieper-Woltering

2019
Frau Siegrun Heitmann erwarb Ende 2019 das Wohn- und Geschäftshaus Emsstraße 1.
Das Haus wurde von 2019 bis Ende 2021 grundsaniert, es entstanden 3 Wohnungen und ein größeres Geschäftslokal im Erdgeschoss.
Siegrun Heitmann

2022
2-Rad Hansen aus Münster-Handorf, eröffneten in dem umgebauten Erdgeschoss eine Fahrradwerkstatt mit Verkauf.
Siegrun Heitmann

 

Danksagung
Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, die mich mit Informationen unterstütz haben, Susanne Pieper-Woltering, Siegrun Heitmann, Dr. Fred Kaspar und Stadtarchiv Telgte.

Hilmar Henke

 

Bemerkungen zu den Bildern
zu Bild 1:
Postkarte um 1905
v.l. Rathaus Markt 1, Johann Schräder Markt 2, Markt 3 und Emsstraße 1.
Die Witwe Elisabeth Stentrup ließ zum Wallfahrtsjubiläum 1904 den zum Markt hin architektonisch aufwendigen Giebel zu einem Renaissance-Giebel umbauen.

 

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